Ellie

Einen Großteil meines erwachsenen Lebens empfand ich gegenüber Literatur sowohl Leidenschaft als auch Ehrfurcht. Meine frühesten Erinnerungen formten sich dadurch, dass mir vorgelesen wurde, bis ich irgendwann selbst lesen konnte und Filme über die Charaktere und Handlungen in meinem Kopf spielten. An diesem Punkt verstand ich mich als einen riesigen Bücherwurm. Aber irgendwann gab es einen Wendepunkt, der für mich rückblickend leider sehr mit dem Literaturkanon in der Schule zusammenhängt, der mich mit dieser Idee von „echter“ und „schlechter“ Literatur konfrontierte. Es war für mich unmöglich, den Unterschied zu bestimmen, wenn es diesen denn überhaupt gab. Ich dachte, egal, wie viel ich lese, ich werde nie mit Menschen mithalten können, die tatsächlich belesen sind. Trotzdem hat mich das nicht von einem philologischen Studium abgehalten.

Leider haben aber viele meiner Lehrenden dieselbe Auffassung vertreten, dass man die eigene und ihre Zeit verschwendet, wenn man nicht in jeder freien Minute des Tages liest. Als Soziale Medien begannen, immer mehr Raum einzunehmen, wurde dieses Gefühl der Isolation noch stärker. Denn dort sah ich Menschen, die zwar mit dem Wunsch, mehr zu lesen, dieselben Schwierigkeiten zu haben schienen, aber trotzdem schienen sie sie schnell zu überwinden: Sie setzten sich als Ziel, in einem Jahr zwölf Bücher zu lesen, erreichten es und machten im darauffolgenden Jahr selbstverständlich mit 52 Büchern weiter. Während ich mich den ganzen Tag mit akademischen Texten auseinandersetzte, konnte ich abends zu Hause keine Buchstaben mehr sehen. Gleichzeitig schien ich nicht die einzige zu sein, der es so ging: Alle, mit denen ich darüber sprach, hatten das Gefühl, noch nicht genug gelesen zu haben, um ihre eigene Meinung über Literatur ernst zu nehmen.

Also fragte ich mich selbst: An welchem Punkt hatte ich aufgehört, Freude am Lesen zu haben? Diese Figuren kennenzulernen, die von ihrer Existenz auf dem Papier in der Fantasie der Menschen zum Leben erwachen und die in anderen Welten leben, abhängig davon, wer durch die Seiten blättert. Wann hatte sich die Leinwand in meinem Kopf verdunkelt, weil ich beim Lesen mehr über die Bücher nachdachte, die ich noch nicht gelesen hatte und die ich in meiner begrenzten Lebenszeit vielleicht nie lesen werde?

Eines Tages vor ein paar Jahren entdeckte ich voller Begeisterung einen Online-Buchclub, der heute leider nicht mehr existiert. Auf der Leseliste standen ganz verschiedene Bücher und zu jedem Buch gab es monatlich eine Podcastepisode. Diese jungen Frauen waren keine Literaturprofessorinnen. Sie wählten einfach Bücher aus, die sie interessant fanden und hatten Spaß daran, ihre Meinungen darüber auszutauschen. Und ich hatte Spaß daran, ihnen dabei zuzuhören.

Als ich ein paar Freundinnen davon erzählte, waren sie auch interessiert, einen Buchclub zu gründen.

Langsam begannen beim Lesen wieder Bilder über die Leinwand in meinem Kopf zu flimmern, aber oft hätte ich so gerne auch meine Ansichten mit den jungen Frauen geteilt, deren Stimmen einmal im Monat für 60 Minuten in meine Ohren drangen.  Als ich ein paar Freundinnen von diesem Buchclub erzählte, sagten sie, sie seien auch daran interessiert, einen Buchclub zu gründen. Ich freute mich riesig.

Zwei Jahre und zwei Lesezirkel später waren es Felicitas und ich, die am Ball blieben. Unsere Interessen, was Bücher angeht, sind sehr ähnlich und wir sind neugierig auf die Vorschläge der anderen für die Leseliste. Wir motivieren uns gegenseitig und haben Verständnis, wenn das Leben sich in den Weg unserer Leseziele stellt. Außerdem teilen wir eine Leidenschaft für Podcasting.Der Rest ist Geschichte: Der Gutenbuchclub hat meine Freude am Lesen wiederbelebt. Wenn auch du dich als ehemaliger Bücherwurm fühlst, der an seinen und den Ansprüchen anderer zu scheitern droht: Lies mit uns! Ich hoffe, es bereitet dir so viel Freude wie mir.

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